Ausgabe 3 // 2026 April (Vorschau) | Arbeitsschutz - aber sicher!

16 // TOP-THEMA Wer in der Physiotherapie arbeitet, sieht oft nicht den Moment des Schadens – sondern dessen Folgen. Genau das macht den Blick auf Menschen, die über Jahre im Freien arbeiten, so aufschlussreich. Beschwerden entstehen selten plötzlich. Sie bauen sich auf. Über Wochen, Monate, manchmal über Jahre. Erschöpfung, muskuläre Dysbalancen, Kreislaufprobleme, Konzentrationsschwächen oder chronische Überlastungen sind häufig nicht das Ergebnis eines einzelnen Ereignisses, sondern Ausdruck einer Belastung, die lange unterschätzt wurde. Gerade bei Menschen, die auf Baustellen arbeiten, zeigt sich immer wieder ein Muster: Der Körper kompensiert viel. Aber er kompensiert nicht unbegrenzt. Hitze und UV-Strahlung gehören dabei zu den Belastungen, die im Arbeitsalltag oft noch immer zu spät ernst genommen werden. Aus physiotherapeutischer Sicht ist zunächst der körperliche Effekt sichtbar: steigende Ermüdung, nachlassende Koordination, veränderte Bewegungsabläufe. Doch die eigentliche Brisanz beginnt früher. Hitze wirkt nicht nur auf Muskeln, Kreislauf und Stoffwechsel, sondern auch auf die Leistungsfähigkeit des Gehirns. Thermische Belastung führt zu messbaren Einbußen Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin weist darauf hin, dass thermische Belastung zu messbaren Einbußen bei Konzentration, Aufmerksamkeit und Reaktionsfähigkeit führt. Genau das ist für körperlich arbeitende Menschen besonders kritisch. Denn wer auf einer Baustelle arbeitet, braucht nicht nur Kraft, sondern dauerhaft präzise Entscheidungen, räumliche Orientierung und schnelle Reaktionen. Was viele nicht wissen: Der Leistungsabfall beginnt oft, bevor Betroffene ihn selbst bewusst bemerken. Der Körper schaltet unter Hitzebelastung in eine Art Priorisierungsmodus. Die Temperaturregulation wird wichtiger als maximale Leistungsfähigkeit. Das ist biologisch sinnvoll – aber im Arbeitsalltag riskant. Gerade darin liegt eine besondere Gefahr: Viele Menschen fühlen sich unter Hitze noch arbeitsfähig, obwohl ihre Leistungsfähigkeit bereits sinkt. In der physiotherapeutischen Praxis ist das ein bekanntes Muster. Beschwerden werden häufig erst dann ernst genommen, wenn sie sich körperlich nicht mehr übergehen lassen. Neurowissenschaftlich ist das plausibel: Hohe Temperaturen beeinflussen unter anderem Hirnareale, die für Planung, Selbst- Ein Bauarbeiter sitzt vor mir, Mitte 40. Keine akute Verletzung. Kein Unfall. „Ich bin einfach schneller erschöpft“, sagt er. „Und irgendwie unkonzentriert.“ Was er nicht weiß: Sein Körper reagiert längst auf eine Belastung, die er selbst noch nicht wahrnimmt. In der Physiotherapie zeigt sich genau hier ein Muster, wie Linda Kaiser, Leitung Gesundheitswissenschaften und Lehre bei der Opta Data Zukunftsstiftung, in diesem Fachbeitrag erklärt. DER KÖRPER VERGISST NICHTS Hitze und UV-Strahlung beeinflussen nicht nur die Haut, sondern belasten Berufstätige auf vielfältige Weise – und das nicht nur im Sommer. // Grafik: ChatGPT

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